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Interview mit Aaron Röschke, Leiter des Russland Kompetenzzentrums Düsseldorf

"Ohne Sprache ist Russland nicht erschliessbar"

Nach seinem Studium in International Affairs and Governance an der Universität St. Gallen arbeitete Röschke (32) zunächst in Berlin als Berater im Bereich  Außenwirtschaftsförderung. Beim Auswärtigen Amt war er in der Abteilung für Kommunikation und Kultur tätig. Seit März 2019 leitet er das „Russland Kompetenzzentrum Düsseldorf“ (RKD).

::: 30.09.2019

Herr Röschke, was verbindet Sie persönlich mit Russland?

Sehr viel. Zum einen sind da Erinnerungen und persönliche Freundschaften. Ich habe bereits während der Schulzeit angefangen, Russisch zu lernen. Ich hatte russische Freunde und fand es sehr spannend, wie die sich unterhalten haben. 2006, nach der Schule, habe ich über das Austauschprogramm ADiA meinen Zivildienst in Nischni Nowgorod gemacht. Heute habe ich beruflich täglich mit Russland zu tun, mit den unterschiedlichsten Anfragen, sowohl aus Russland, im direkten Kontakt mit russischen Unternehmen, als auch aus Deutschland. Auch privat bin ich eng mit Russland verbunden und bin regelmäßig dort. Und natürlich über die russische Sprache – denn ohne Sprache ist Russland nicht erschließbar.

Wie sah Ihre persönliche Spracherwerbsbiographie aus? Sie haben angefangen Russisch mit Freunden zu lernen – hatten Sie auch Unterricht?

Ich habe neben der Schule Privatunterricht bei einer Russischlehrerin gehabt, einmal in der Woche über einen längeren Zeitraum. Das hat mir eine solide Basis an Grundkenntnissen verschafft. Als ich zum Zivildienst nach Russland ging, habe ich dort weiteren Unterricht genommen, dann aber auch schnell enorme Fortschritte gemacht, einfach dadurch, dass ich in diesem Land und in dieser Kultur gelebt und gearbeitet habe.

Als Sie aus Russland zurückkamen – war Ihnen klar, dass Sie Russisch zu einem Baustein Ihrer Karriere machen wollten?

Ich hatte immer den Wunsch, beruflich nah an Russland zu sein. Inwieweit es mein alltägliches berufliches Leben bestimmen würde, wusste ich damals noch nicht. Ich habe zunächst in der Schweiz studiert und auch dort immer wieder die Nähe zur russischen Sprache gesucht. Interessant ist: Wenn man einmal Russisch kann und einen Bezug zur russischen Kultur aufgebaut hat – egal wo man ist, man findet immer russischsprachige Personen, mit denen man sich austauschen kann. Als ich mit dem Studium fertig war, habe ich gezielt nach Möglichkeiten gesucht, Wirtschaft und Russland zusammenzubringen. Meine erste Anstellung hatte ich in einem Beratungsunternehmen für Außenwirtschaftsförderung mit Fokus auf den russischsprachigen Raum, so dass ich direkt in der glücklichen Lage war, meine Interessen verbinden zu können. Mir war wichtig, diesen Weg konsequent zu gehen. Denn je stärker man in einem Thema drin ist, desto mehr Wissen baut man auf, und es ist schön, das auch in der Praxis anwenden zu können. Die jetzige Arbeit beim „Russland Kompetenzzentrum Düsseldorf“ ist demnach eine logische Schlussfolgerung meines vorherigen Werdegangs.

Wie wichtig sind die Sprachkenntnisse für Ihre berufliche Praxis?

Sehr wichtig, gerade wenn ich in Russland unterwegs bin. Wenn man die Sprache spricht, dann wird das honoriert. Je mehr Russisch, desto besser. In Moskau und St. Petersburg kommt man mit Englisch zurecht, aber je weiter man in die Regionen geht, desto schwieriger wird es. Es hängt natürlich auch davon ab, in welcher Branche man unterwegs ist. Die jüngeren Russinnen und Russen sprechen mehr und mehr Englisch, auch an den Unis gibt es entsprechende Kurse. Nichtsdestotrotz: Ohne Russisch wird man keinen wirklichen Bezug zur Kultur und zu den Menschen finden. Als ich 2006 in Nischni Nowgorod war – immerhin eine Millionenstadt – hätte es mit Englisch nicht funktioniert. Im Nachhinein war das die beste Schule für mich, da ich gezwungen war, Russisch zu sprechen.

Wie stellt sich die Situation für deutsche Expats dar? Wird Russisch gesprochen oder kommt man in diesem Kontext mit Englisch zurecht?

Verhandlungen können bis zu einem gewissen Grad auf Englisch geführt werden, aber auch da wird es schnell schwierig, gerade wenn nicht nur mit einem Partner, sondern mit einem größeren Personenkreis gesprochen wird. Wenn beispielsweise neben dem Management auch Techniker und andere Spezialisten involviert sind, stößt man schnell an Grenzen. Die Zahl deutscher Expats in Russland ist seit Jahren rückläufig und man trifft sie am ehesten auf der höheren Managementebene. Ansonsten arbeiten die deutschen Unternehmen gerne mit russischen Arbeitskräften. Das bedeutet aber auch: Umso „russischer“ die Unternehmen durch diese Mitarbeiter werden, desto mehr müssen die deutschen Expats „mitziehen“. Mein Eindruck ist, dass die meisten von ihnen über gute Russischkenntnisse verfügen.

Wie würden Sie das Ausbildungsniveau der russischen Arbeitskräfte einschätzen?

Ein Problem ist sicher, dass in Russland das Studium einen noch höheren Stellenwert genießt als bei uns. Die eher handwerklichen Berufe fallen dabei immer stärker zurück, sowohl im Image, als auch in der Qualität der Ausbildung. Eine „mittlere Ebene“ mit solider Berufsausbildung, Fachhochschulen etc. gibt es in Russland so nicht. Für eine diversifizierte Wirtschaft braucht man aber nicht nur Universitätsabsolventen, sondern einen guten Mix an Arbeitskräften mit verschiedenen Qualifikationen. Dieser Mix ist in Russland momentan nicht gut ausbalanciert. Es wird durchaus versucht, dem entgegenzuwirken, beispielsweise durch Übernahme des dualen Ausbildungssystems, wo die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer auch beratend tätig ist. Momentan steckt das allerdings noch in den Kinderschuhen. Die schulische Ausbildung – vor allem in den Bereichen Naturwissenschaften und Mathematik – ist traditionell gut. Allerdings ist der Unterricht ziemlich frontal ausgerichtet. Interaktion, Kreativität – diese Aspekte kommen dabei möglicherweise zu kurz.

Die russische Wirtschaft gilt insgesamt nicht als besonders innovativ. Stimmt dieser Eindruck und könnte es mit dem zusammenhängen, was sie gerade beschrieben haben?

Prinzipiell ist in Russland ein großes Innovationspotential vorhanden, allerdings ist die russische Wirtschaft stark fokussiert auf bestimmte Bereiche, vor allem auf Rohstoffe, da man viel Geld mit dem Export von Öl und Gas verdienen kann. Das aktive Suchen nach neuen Geschäftsbereichen bleibt dabei auf der Strecke. Mein Eindruck ist aber, dass sich das mehr und mehr ändert. Die russischen Unternehmen öffnen sich zunehmend Richtung Ausland, wollen exportieren und müssen folglich auf dem Weltmarkt bestehen. Das geht nicht ohne Forschung und Innovation. Auch sind sich die Russen der Tatsache bewusst, dass der Rohstoffreichtum endlich ist. Man versucht, die nicht-rohstoffgetriebene Exportwirtschaft von staatlicher Seite stärker zu unterstützen, z. B. durch die sogenannte „Exportfenster“-Initiative, an der das russische Exportzentrum und die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer beteiligt sind. Die russische Regierung versucht, die Wirtschaft weiter zu diversifizieren, was sich z. B. in einer gestiegenen Wertschätzung von KMU äußert. Insgesamt ist es aber noch ein weiter Weg.

Damit so eine Strategie mittelfristig funktioniert, braucht man politisch stabile Rahmenbedingungen und gute Beziehungen ins Ausland. Der Eindruck in der politischen Arena ist im Moment eher, dass sich Fronten verhärten. Wenn Russland sich wirtschaftlich-strategisch neu ausrichten will, würde das nicht dafür sprechen, dass es wieder zu einer Annäherung kommen muss?

Es stimmt, die Zahl von Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung ist in Russland derzeit rückläufig, von ca. 6000 Unternehmen in 2014 auf aktuell rund 4600. Das hat natürlich auch mit der wirtschaftspolitischen Lage und mit den nach 2014 verhängten Sanktionen zu tun. Die Unternehmen wissen auf der anderen Seite mittlerweile ganz gut, wie sie mit dem Thema Sanktionen umgehen müssen. Diese haben die wirtschaftlichen Beziehungen nicht komplett lahmgelegt, es sind einzelne Bereiche, die betroffen sind – wie z.B. der Lebensmittelexport oder Dual-Use Güter, also Waren, die auch einen militärischen Nutzen haben könnten. In den Bereichen, die nicht betroffen sind, floriert der Handel weitgehend. Diejenigen deutschen Unternehmen, die schon früher stark in Russland waren, sind es auch weiterhin und investieren gerade im Moment verstärkt aufgrund der günstigen Wechselkurse.

Wie geht die russische Seite mit den Sanktionen um?

Russland hat durchaus alternative Optionen, der wichtigste Handelspartner ist China mit einem Handelsvolumen von mittlerweile mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Im Zuge der westlichen Sanktionen hat Russland klar die Strategie verfolgt, diese Beziehungen weiter auszubauen. Trotzdem glaube ich nicht, dass dadurch der Handel mit Europa obsolet wird. Allein die geographische Nähe spricht dafür: das wirtschaftliche Zentrum Russlands liegt im europäischen Teil. Ich bin überzeugt davon, dass eine dauerhafte Abkehr Russlands von Europa nicht möglich ist. Über kurz oder lang führt nichts daran vorbei, dass Russland und Deutschland bzw. Europa wirtschaftlich eng zusammenarbeiten. Es sollte in unser aller Interesse liegen, die Beziehungen dahingehend zu normalisieren.