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Interview mit Felix Schmidtke, Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch

"Unter Freunden"

дружба - Freundschaft. Diesem Motto fühlen sich Felix Schmidtke und seine Mitstreiter*innen vom Team Drusja - Russisch für "Freundschaft" - verpflichtet. Im Auftrag der Stiftung Deutsch - Russischer Jugendaustausch sind sie in Schulen und bei internationalen Jugendbegegnungen im Einsatz. Immer mit dabei: ein großer Koffer voller spannender Spiele. "Sprachanimation" heißt die Methode, die Kindern und Jugendlichen die Kontaktaufnahme über kulturelle Grenzen hinweg erleichtert. Am Rande des Bundescup Spielend Russisch lernen, der jedes Jahr im Herbst im LSI gastiert, hatten wir Gelegenheit den angehenden Lehrer für Geschichte, Erdkunde und Russisch nach seiner Arbeit für das Team Drusja und nach seiner persönlichen Beziehung zur russischen Sprache und Kultur zu fragen.

::: 03.02.2020

Foto: Stiftung DRJA

Herr Schmidtke, was genau bedeutet Sprachanimation?  

In dem Wort stecken die beiden Teilbegriffe „Sprache“ und „Animation“, letzteres im Sinne von „jemanden in Bewegung setzen“. Kurz gesagt umfasst Sprachanimation Methoden, die auf spielerische Weise Hemmnisse und Ängste abbauen sollen, vor fremder Kultur und Sprache, aber auch in Bezug auf persönliche Barrieren. Die „Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch“ unterstützt, ideell und finanziell, den schulischen und außerschulischen Jugendaustausch zwischen Deutschland und Russland. Das „Team Drusja“ ist für die Sprachanimation zuständig. Drusja ist das russische Wort für „Freunde“, gleichzeitig ist es eine Abkürzung für „deutsch-russischer Jugendaustausch“. 

Ihr  Angebot richtet sich in erster Linie an Jugendliche? Funktioniert Sprachanimation auch für Erwachsene?  

Wir arbeiten auch mit Erwachsenen, aber eher im Sinne von Schulungen und Workshops für Pädagogen, die das Gelernte dann selber bei Jugendbegegnungen oder an Schulen einsetzen können. Zielgruppe für Sprachanimation sind in der Praxis meist Kinder und Jugendliche. Der Kontext kann dabei ganz unterschiedlich sein. Zum einen gibt es die internationalen Jugendbegegnungen in Bereichen wie Kultur oder Sport. Die Methoden lassen sich dem Anlass entsprechend variieren. Im Falle des Sports hat das dann beispielsweise viel mit Bewegung zu tun. Der zweite Einsatzbereich für Sprachanimation sind Schulen.  

Mit welchen Methoden arbeiten Sie?  

Bei der Methodenentwicklung arbeiten wir eng mit dem deutsch-französischen und dem deutsch-polnischen Jugendwerk und den anderen bilateralen Zentren zusammen. Wir haben mittlerweile an die 15 Jahre Erfahrung gesammelt und entwickeln unsere Methoden und Materialien beständig weiter. Dazu erstellen wir auch Publikationen, die dann von Interessierten, Schulen, Vereinen etc. günstig oder kostenlos bestellt werden können. Die Sprachanimation selber funktioniert zum Teil auf Basis bekannter Gesellschafts- und Kartenspiele wie Twister, Karaoke, Quartett oder Memory, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Diese werden dann um entsprechende Inhalte ergänzt und dem Kontext angepasst. Daneben gibt es auch eigens für die Sprachanimation entwickelte Methoden, die natürliche Kommunikationsmuster nutzen und spielerisch ausgelegt sind. Das macht Spaß und ermöglicht den Jugendlichen einen intuitiven Zugang.  

Es geht nicht in erster Linie um Spracherwerb, sondern um soziale Interaktion?  

Genau, und das über kulturelle Grenzen hinweg. Der Spracherwerb steht dabei an zweiter Stelle. Sprachanimation ist auf keinen Fall vergleichbar mit Unterricht, es gibt kein richtig oder falsch. Natürlich wird im Zuge des Verfahrens auch Wortschatz vermittelt, aber das ist eher ein positiver Nebeneffekt. Es gibt Angebote für drinnen und für draußen, mit mehr und mit weniger Bewegungsanteil, für Gruppen mit und ohne Vorkenntnisse der jeweils anderen Sprache. Wir haben die Methoden kategorisiert und uns dabei an den verschiedenen Phasen einer Jugendbegegnung orientiert. So können wir der Gruppe und dem Kontext entsprechend für jeden Einsatz die Methoden auswählen bzw. anpassen.  

Wer kommt auf Sie zu und fragt Sie an?  

Das sind die Träger und Organisationen, die Austausch organisieren und häufig auch Schulen. Unter Russischlehrern zum Beispiel ist das Angebot mittlerweile relativ bekannt.  

Bei Ihnen persönlich kommen zwei Kompetenzen zusammen. Da ist zum einen das Russische, zum anderen sind Sie als angehender Lehrer auch Pädagoge. Wie war ihr persönlicher Werdegang und warum haben Sie sich für Russisch als Fremdsprache entschieden?  

Das lag vor allem daran, dass ich mein FSJ nach der Schule in Kiew gemacht habe. Ich habe Russisch erst spät gelernt und habe auch keinen familiären Hintergrund in diese Richtung. Während der Schulzeit hatte ich einen starken Bezug zu Frankreich, habe mehrfach an Austauschprogrammen teilgenommen. Deshalb war für mich klar, dass es nach dem Abitur ins Ausland gehen würde. Frankreich wäre die naheliegende Wahl gewesen, aber ich hatte auch den Wunsch etwas Neues zu entdecken. Osteuropa hat mich gereizt, deshalb habe ich mich für Kiew entschieden. Zur Vorbereitung habe ich etwas Russisch an der VHS in Köln gelernt. Wirklich eingestiegen bin ich aber erst vor Ort, einmal die Woche Unterricht mit einer sehr guten Lehrerin – und natürlich im Alltag auf der Straße. Das Russische lag mir, ich habe es vergleichsweise problemlos gelernt. Zwischen mir und der Sprache hat es einfach gefunkt.  

Wenn man sich mit Leuten über Russland und die russische Sprache unterhält, stellt man immer wieder fest: Es machen nicht viele, es gibt eine relativ hohe Einstiegshürde, aber diejenigen, die einmal Feuer fangen, sind wie verliebt in die Sprache.  

Diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Nachdem ich aus Kiew zurückkam wusste ich, dass Russisch Teil meines Lebens bleiben sollte. So habe ich den Weg zur „Stiftung deutsch-russischer Jugendaustausch“ gefunden. Die Stiftung veranstaltet einmal im Jahr eine Schulung in Hamburg für alle, die sich für eine Mitarbeit interessieren. So bin ich vor sechs Jahren Mitglied des „Team Drusja“ geworden.  

Wenn Sie mit dem Studium fertig sind und Lehrer geworden sind, werden Sie dann noch Zeit haben die Arbeit fortzusetzen?  

Wenn es mit Russisch als Schulfach nicht klappen sollte, würde ich auf jeden Fall versuchen die Sprache an der Schule anzubieten, zum Beispiel im Rahmen einer AG. Ich werde auch weiter privat mit Russland und der Ukraine zu tun haben. Im Geschichtsunterricht möchte ich, soweit es der Lehrplan zulässt, osteuropäische Geschichte als Teil der europäischen Geschichte vermitteln.  

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage des Russisch-Lernens in Deutschland ein. Gibt es noch Interesse?  

Schwierige Frage. Es gibt Wellenbewegungen. In den 90er Jahren hatten wir einen starken Zuwachs an Russischunterricht, auch in Westdeutschland. Das hatte mit dem Zuzug russlanddeutscher Spätaussiedler in dieser Zeit zu tun. Deren Kinder hatten einen Bedarf an Russischunterricht, um die Sprache nicht zu verlieren. Aktuell nimmt es wieder ab und klar: Russisch ist kein Fach wie Deutsch oder Mathe, sondern eher eine Nische. In Westdeutschland gibt es nur noch relativ wenige Schulen, die Russisch als vollwertiges Fach anbieten, im Osten sieht es etwas besser aus. In Sachsen-Anhalt beispielsweise lernt noch jeder vierte Schüler Russisch. Insgesamt muss man aber sagen: Die Schulen, die Russisch anbieten wollen, müssen nicht selten darum kämpfen, dass genügend Interessierte zusammenkommen. Das ist schade, denn zum einen ist Russisch ein unheimlicher Mehrwert für die persönliche Entwicklung, zum anderen profitiert die deutsche Gesellschaft, wenn es Leute gibt, die sich mit Russland, seiner Sprache und Kultur auskennen.  

Auf der großen politischen Bühne gibt es aktuell einiges an Verhärtungen und Verspannungen. Wenn man das Ganze mal von unten betrachtet, aus der Perspektive der Jugendbegegnungen – wie gehen die Jugendlichen aufeinander zu? Wachsen auch dort die Vorurteile?  

Das ist interessant zu beobachten. Man könnte annehmen, dass die Vorbehalte und Barrieren größer geworden sind. Russland kommt in den deutschen Medien nicht besonders gut weg, umgekehrt ist es noch schlimmer. Das Bild, das in den staatlich kontrollierten russischen Medien von Deutschland bzw. Westeuropa gezeichnet wird, ist verheerend. Mein Eindruck ist aber, dass sich diese Tendenzen in den Jugendbegegnungen kaum widerspiegeln. Deutsche und russische Jugendliche gehen sehr unvoreingenommen und herzlich miteinander um. Das stimmt mich ungeheuer positiv und wenn wir vom „Team Drusja“ einen kleinen Teil dazu beitragen können, freut es mich umso mehr. Angesichts der politischen Eiszeit ist es besonders wichtig, dass der Kontakt nicht abreißt, damit Vorurteile sich nicht verfestigen.