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Digitalisierung und granulares Lernen

Sprachenlernen 4.0

Der geschäftsführende Direktor des LSI, Dr. Klaus Waschik, widmet sich in einem Artikel im Magazin der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer „impuls“ wichtigen Fragen bezüglich der Bedeutung des Fremdsprachenlernens in der heutigen Zeit. Welche Rolle spielt granulares Lernen in einer digitalen Umgebung und wie wichtig sind interkulturelle Kompetenzen?

18.07.2019

Foto: Rodion Kutsaev

 

Jeder erinnert sich an Zeiten, als man im Englisch-, Latein- oder Russischunterricht gemeinsam mit Gleichgesinnten in einem Klassenraum saß und den Lehrenden schutzlos beim schier endlosen Üben von Texten, Vokabelverzeichnissen oder Grammatiktafeln ausgeliefert war. Bestenfalls präsentierte sich damals der Unterricht kommunikativ, d. h. man erahnte als Lernender, wann, in welchen Situationen und zu welchen Zwecken das Vermittelte notwendig sein konnte. Klar war jedoch, dass das reale Leben, in dem die Sprache zum Einsatz kommen sollte, grundlegend anders, komplexer, störungsanfälliger sein würde. Sprache zu lernen, bedeutete – auf Vorrat zu lernen und gleichzeitig zu wissen, dass das Gelernte „abstrakt“ war und erst zu einem deutlich späteren Zeitpunkt seinen Crashtest mit der Wirklichkeit im Land der Fremdsprache auszuhalten hatte. Zwar ist dieses Lernen auf Vorrat dank traditioneller Lehrpläne nicht ganz aus der Mode gekommen, im Gegensatz zu Erfahrungen aus Schule, Studium oder Ausbildung ist in das Lernen von Fremdsprachen jedoch Bewegung gekommen, und präsentiert sich heute eher unübersichtlich.

Lernen von Fremdsprachen überflüssig?

Worin liegen hierfür die Gründe und was erwartet uns in Zukunft, wenn man – allen Tendenzen des Englischen in Richtung weltweiter lingua franca zum Trotz – dennoch das Wagnis eingeht, das das Lernen einer neuen Fremdsprache mit sich bringt? Ein Blick an das Ende der 2020er Jahre: Große Teile direkter mündlicher Kommunikation (eigenes Sprechen und das Verstehen des Anderen) übernehmen intelligente Systeme, smartphonebasiert und verbunden mit globalen Datenmassiven, die auch Dialekte/Sprachvarianten verstehen und auf einem (relativ) anspruchsvollen Niveau wiedergeben können. Die jetzt noch allerorts vorhandenen „Globalisierungswüsten“, in denen Englisch keine lingua franca ist, sind nachhaltig geschrumpft. Das Englische ist zur natürlichen Erweiterung der eigenen Muttersprache geworden. 70 – 80 Prozent aller Kommunikationsbedürfnisse lassen sich wahrscheinlich so abdecken. Warum also überhaupt noch Fremdsprachen lernen? Und vor allem wie? Die noch fehlenden 20 – 30 Prozent, die nach wie vor erhebliche Zeitinvestitionen erfordern, werden zusehends obsolet: Trends der letzten Jahrzehnte zeigen, dass ungeachtet einer immer enger zusammenrückenden Welt, die eigentlich das Gegenteil erfordert, Sprachkenntnisse (und ihr Erwerb) stetig abnehmen.

Individuallösung per App

Massiv verändern wird sich daher nicht nur die Ratio des Fremdsprachenlernens, sondern auch der Modus des Lernens. Vor dem Hintergrund zunehmender Individualisierung, d. h. an Einzelbedürfnissen ausgerichteter Lernszenarien (und -inhalte) stellt sich auch das Lernen von Fremdsprachen als technisches wie didaktisches Problem dar. Vergleichbar mit kundenspezifischen oder sogar personalisierten Individuallösungen in Industrie, Medizin, Logistik, Warenproduktion etc. ist das Fremdsprachenlernen in 15 Jahren eine Herausforderung an Granularitätserwartungen. Homogene Lerngruppen mit vergleichbarem Kenntnisstand sind eine Seltenheit, die nur noch derjenige in Anspruch nehmen wird, dem das Lernen (auch) als soziales Ereignis wichtig ist. Der/die schrullige Lehrer/in als Ausgangspunkt für spätere Mythenbildung geht als Kulturgut langsam verloren; an seine Stelle treten Apps, die zumindest vorgeben, sich auf Lerner-Individuen programmseitig einzustellen. Inwieweit sie diesen Anspruch einlösen, bleibt einem zukünftigen Qualitätsmanagement vorbehalten. In jedem Fall erfordern diese neuen, KI-basierten Lernmedien eins: eine eiserne Disziplin seitens des/der Lernenden, die vormals durch den Sozialverband (Lerngruppe) gewährleistet wurde. Bei einer Analyse gängiger Lernapps, u. a. auch für Fremdsprachen, wird sichtbar, dass aus Gründen fehlenden Durchhaltevermögens und mangelnder Disziplin die Abbruchquote nach den ersten Lektionen dramatisch ansteigt.

Learning-on-demand in einer digitalen Umgebung

Granulares Lernen bedeutet damit auch ein „einsames“ Lernen, da der Erwerb sprachlicher Fertigkeiten – selbst in sozialen Medien und kollaborativer Form – an die Grenzen individualisierter Lernszenarien stößt. Eine gewisse Kompensation bieten allerdings KI-Technologien im Fremdsprachenlernen dort an, wo nicht nur analoge Sprachverhaltensmuster großer anderer Lerngruppen einbezogen werden (bekannt aus Werbetechnologien großer Internetshops und Suchmaschinen), sondern auch die zu erlernende Sprache mit ihren Strukturen und Besonderheiten als Objektbereich in die KI-Anwendung einbezogen wird. Konkret gesprochen: Wenn jemand beim Lernen Fehler macht, ist es weniger wichtig, zu wissen, ob andere Lerner dies falsch (oder richtig) gemacht haben, sondern nützlicher, direkte, sachbezogene Hilfen und Angebote bei individuellen Defiziten zu erhalten. Dies setzt allerdings voraus, dass die KI-Anwendung selbst mehr von der Sprache und ihren Tiefen und Problempunkten weiß. Ein unbestrittener Vorteil der neuen Sprachlerntechnologien liegt zweifelsohne in einem deutlich ausgeprägteren Anwendungsbezug: learning-on-demand ist hier das Stichwort. Eine „Lagerhaltung“ des Erlernten reduziert sich auf ein sinnvolles Minimum, bei Bedarf ergänzt man die eigenen Fertigkeiten um das aktuell situativ oder thematisch Notwendige. Und auch der Lernkontext insgesamt wird sich verändern. Stehen bis heute Gruppe, Lehrbuch und ein zusätzlicher Medien- oder Onlinebereich im Mittelpunkt, wird der zentrale Lernraum der Zukunft eine digitale Umgebung sein, in die Präsenzphasen bei Bedarf eingebettet werden können. Hybrides Lernen kann daher beiden Megatrends gerecht werden: Einerseits bietet es individuelle, zeitliche wie räumliche Flexibilität und intelligente Assistenz, andererseits kann die neue Sprache auch unter realen Wirklichkeitsbedingungen ausprobiert und optimiert werden.

Interkulturelle Kompetenz als kostbares Gut 

Werfen wir noch einmal einen Blick auf die Ausgangsfrage, das Wozu des Fremdsprachenlernens? Wenn zukünftige Übersetzungstools die Kärrnerarbeit basaler Kommunikation (weitgehend) fehlerfrei übernehmen, bleibt die Kenntnis der fremden Kultur und Wirklichkeit als integrales Ziel des fremdsprachlichen Fertigkeitenerwerbs. Interkulturelle Kompetenz bleibt an Sprache gebunden, und sie zeichnet diejenigen aus, die beim Kommunizieren eine differenzierte Vorstellung des Fremden zugrunde legen können. Interkulturelle Kompetenz wird damit zu einer elitären Qualität, die an einen auch zukünftig steinigen Weg des Sprachenlernens gebunden ist. Und damit ist ausdrücklich nicht gemeint, vordergründig zu verstehen, wie die Fremden „ticken“. Im Landesspracheninstitut in der Ruhr-Universität ist hybrides Fremdsprachenlernen bereits Realität. In genuiner Verbindung aus intensivem Präsenz- und individualisiertem Online-Lernen realisiert das LSI neue Lernorte, an denen ein Maximum an sprachlichen wie kulturellen Kompetenzen erworben wird. Individuell lernen, ohne auf den lebendigen Austausch mit anderen zu verzichten.