Sprachen die Geschichte erzählen

Sechs Biografien zum internationalen Frauentag

In unseren Sprachkursen sind wir darauf bedacht neben sprachlicher Kompetenz auch kulturelles sowie geschichtliches Wissen zu vermitteln. Zum internationalen Frauentag stellen wir daher sechs außergewöhnliche Frauen aus Ländern vor, deren Sprachen wir unterrichten. Sie haben Politik, Literatur, Wissenschaft sowie Kultur in unterschiedlichen Zeiten nachhaltig geprägt und wirken durch ihr Vermächtnis bis in die Gegenwart:

 

.r.n.l. Fatima Al-Fihri, Murasaki Shikibu, Emmeline Pankhurst, Anna Pavlolva, Tu Youyou, Yi So-Yeon; Bildquellen: Wikipedia.

v.r.n.l. Fatima Al-Fihri, Murasaki Shikibu, Emmeline Pankhurst, Anna Pawlowa, Tu Youyou, Yi So-Yeon; Bildquellen: Wikipedia.

Fatima al- Fihri

Den Auftakt macht Fatima al-Fihri, die durch ihr Engagement den Grundstein für das Hochschulkonzept schuf, dass wir heute alle kennen. Fatima wurde ca. 800 n.Chr. in Kairouan im heutigen Tunesien geboren. Später wandert ihre Familie nach Fès in Marokko aus, wo Fatimas Vater zu einem erfolgreichen Kaufmann emporsteigt. Fatimas Eltern waren darauf bedacht all ihren Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen. Als ihr Vater stirbt, beschließt Fatima mit ihrem Teil des Erbes einen Ort der sozialen Begegnungen und des Austausches zu schaffen, an dem fortschrittliches Lernen und Lehren ermöglicht wird. Sie investiert in den Bau einer Moschee, einer Bibliothek sowie einer Bildungseinrichtung – die Universität al-Qarawiyin, benannt nach den Einwander:innen aus ihrer Heimatstadt. Bis heute wird an der Al-Qarawiyin Universität gelehrt. Sie gilt als die älteste und erste Universität der Welt, die eine institutionelle Lernstruktur entwickelte, die später auch bei den Gründungen von europäischen Universitäten wie Oxford oder Bologna Anklang fand. Unter ihren Studierenden befanden sich neben berühmten muslimischen Gelehrten und Intellektuellen wie Ibn Rushd auch der jüdische Philosoph  Maimonides oder Gerbert Aurillac, später Papst Silvester II. Bis heute beherbergt die Bibliothek zahlreiche alte, wertvolle und wichtige Dokumente und Manuskripte. Fatima al-Fihri hinterließ ihr Vermächtnis der ganzen Welt und wird bis heute als Visionärin und Wohltäterin gefeiert.

Murasaki Shikibu

Im Jahre 970 n.Chr. wurde in Japan, im heutigen Kyōto, ein kleines Mädchen als Teil einer literarisch gebildeten Familie des Fujiwara-Clans geboren. Um Murasaki Shikibu ranken sich einige Legenden. Selbst ihr Name ist nur als Pseudonym überliefert. Für eine Frau zu Beginn der Heian-Zeit erhielt sie eine außergewöhnlich umfassende Bildung. So war sie auch der chinesischen Sprache mächtig. Berühmt wurde sie als Autorin des „Genji Monogatari“ (Die Geschichte vom Prinzen Genji), das um das Jahr 1000 entstand. Das Werk schildert das höfische Leben, Liebesbeziehungen und innere Konflikte seines Protagonisten mit großer psychologischer Tiefe und gilt als der erste Roman der Welt. Neben dem Genji Monogatari hinterließ Murasaki Shikibu auch Tagebücher, die wertvolle Einblicke in das Leben und die Rolle von Frauen am japanischen Kaiserhof geben. Sie enden im Jahre 1010, ob Murasaki zu dieser Zeit auch verstarb, ist unbekannt. Bis heute bleibt sie eine Schlüsselfigur der Weltliteratur: Ihr Roman beeinflusste nicht nur die japanische Literatur und Kultur, sondern wird weltweit als Meisterwerk der erzählerischen Kunst geschätzt.

Emmeline Pankhurst

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die gesellschaftlichen Debatten Englands besonders von einer Frau geprägt: 1858 in Manchester geboren nahm Emmeline Pankhurst durch ihre demokratisch engagierten Eltern schon früh an politischen Versammlungen teil. Der Kampf für Geleichberechtigung beschäftigte sie ein Leben lang. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Richard Pankhurst setzte sie sich für soziale Gerechtigkeit und politische Gleichstellung ein. Nach dem Tod ihres Mannes widmete sie sich ganz dem Kampf für das Frauenwahlrecht. 1903 gründete sie die Women’s Social and Political Union (WSPU) und sorgte mit dem Motto „Taten statt Worte“ für Aufsehen. Von dem Erfolg der Aufstände der Landarbeiter inspiriert machten die so genannten Suffragetten mit Demonstrationen, Sachbeschädigungen und zivilem Ungehorsam auf ihre Forderungen aufmerksam. Pankhurst wurde mehrfach verhaftet und trat im Gefängnis wiederholt in den Hungerstreik. 1918 erhielten Frauen über 30 Jahren erstmals das Wahlrecht und das Recht, für das Parlament zu kandidieren. Die vollständige rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern im Wahlrecht wurde 1928 kurz nach Emmeline Pankhoffs Tod erreicht. Sie gilt bis heute als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der britischen Frauenbewegung.

Anna Pawlowa

Auf eine andere Art und Weise prägte Anna Pawlowa jene Zeit. 1881 in Sankt Petersburg geboren, entdeckte sie bereits als Kind durch den Besuch einer Theatervorstellung von Dornröschen ihre Liebe zum Ballett. Mit keinen 10 Jahren besuchte sie bereits die kaiserliche Ballettschule und wurde nach ihrem erfolgreichen Abschluss in das kaiserliche Ballett des Marijinski-Theaters, jenes Theater wo sie damals Dornröschen gesehen hatte, aufgenommen. Sie debütierte am 19. September 1899 und tanzte sich binnen sieben Jahre an die Spitze ihres Ensembles. Ihr vierminütiges Solo Der sterbende Schwan ist bis heute ein Meilenstein der Ballettgeschichte. Pawlowas Tanz verband erstmals Elemente des klassischen Balletts mit Akzenten des modernen Ausdruckstanzes. Nach einer kurzen Zeit bei der Ballettkompanie in Paris, inklusive Auftritten in London und den USA, gründete sie ihre eigene Kompanie und tourte mit tausenden Auftritten um die Welt. Dabei hielt sie sich nicht nur an Großstädte und Metropolen sondern trug ihre Passion auch in abgelegene Gegenden in Südamerika, Australien und China. Kurz vor einer erneuten Tour erkrankte sie an einer Lungenentzündung und starb 1931 in Den Haag. Ihre Asche ist gemeinsam mit der ihres Ehemannes im Golders Green Crematorium in London beigesetzt. Bis heute gilt sie als international angesehende Ballettlegende. In Australien wurde nach ihr ein Dessert benannt: Das Pawlowa-Törtchen besteht aus leichtem Baiser mit einer Füllung aus Sahne und frischen Himbeeren. Ein Asteroid trägt ebenfalls ihren Namen.

Tu Youyou

1930 wurde an der Ostküste, Chinas erste Nobelpreisträgerin geboren. Nach einer Tuberkuloseerkrankung im Jugendalter entschließt sich Tu Youyou Medizin zu studieren. Im Jahre 1967 beginnt China auf die Bitte von seinem Verbündeten Nordvietnam das streng geheime Forschungsprojekt 523. Eine seltene Ausnahme während der chinesischen Kulturrevolution, doch im Vietnamkrieg sterben auf allen Seiten Soldaten durch Malariainfektionen. 1969 wird Tu damit beauftrag für das Projekt einen Malariaausbruch in Hanain, Südchina, zu untersuchen. Das bezeugte Ausmaß des Leides der Malariaerkrankten bewegt sie sehr. Später sagt sie “meine Forschung hatte damals Priorität, ich war bereit mein Privatleben dafür zu opfern”. Ihre eigenen Kinder sieht sie durch ihre Forschungsreise drei Jahre nicht. Ihr Team studiert alte Schriften, um die Behandlung der traditionellen chinesischen Medizin zu erforschen und stößt dabei auf den einjährigen Beifuß. Doch die Extraktion von Artemisinin gelingt nicht, bis Tu durch weitere traditionelle Texte entdeckte, dass der Stoff nur bei niedriger Temperatur extrahiert werden kann, um wirksam zu sein. Sie und ihr Team testen das Mittel an sich selbst bevor sie 21 Patient:innen  in Hanain behandeln – sie alle werden wieder gesund. Durch die politische Situation blieb dieser Forschungserfolg international lange unbeachtet. Erst zwanzig Jahre später empfiehlt die WHO die Artemisinin-Kombinationstherapie als Behandlung gegen Malaria. 2011 erhält Tu Youyou den Lasker Award für Medizinforschung, 2015 wird sie die erste Nobelpreisträgerin Chinas.

Yi So-Ye On

Yi So-Ye On ist die erste Südkoreaner:in die ins All reiste. Sie wird 1978 in Gwangju geboren und besucht als erste ihrer Familie das College. Schon als Kind hilft sie ihrem Vater bei mechanischen Reparaturen. Später studiert sie Maschinenbau. 2006 setzt sie sich gegen 36.000 Mitbewerber:innen durch und wird für das nationale Weltraumprogramm ausgewählt. Es folgte eine Ausbildung in Russland, bevor sie am 08.April an Board der Soyuz TMA-12 ins All startet. Die elftägige Mission umfasste 18 wissenschaftliche Experimente mit Schwerpunkt auf Mikrogravitationseffekte, darunter Studien zu Fruchtfliegen und Materialwissenschaft, die zu südkoreanischen Bildungsressourcen beitrugen. Heute ist sie Dozentin an der International Space University und eine Ikone für junge südkoreanische Nachwuchsforscher:innen. Im Jahre 2025 wurde Yi So-Ye On in die Asian Hall of Fame aufgenommen.

Sechs Frauenstimmen aus dem Sprachenkanon des LSI die inspirieren und beeindrucken. Wir freuen uns heute ihre Geschichte weiterzutragen und wünschen alles Gute zum internationalen Frauentag!

Text: Paulina Isfort

Quellen: 

  • www.trtdeutsch.com/article/2023414; www.musikexpress.de/fatima-al-fihri-die-gruenderin-der-allerersten-universitaet-der-welt-1848701/
  • www.tagesschau.de/kultur/murasaki-shikibu-erster-liebesroman-100.html
  • de.wikipedia.org/wiki/Murasaki_Shikibu
  • www.blog.der-leiermann.com/anna-pawlowa/
  • www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/anna-pavlova/
  • www.petersburger.info/kultur/beruehmte-personen/anna-pawlowa
  • www.lindau-nobel.org/de/die-erste-chinesische-nobelpreistragerin-youyou-tu/
  • www.nobelprize.org/stories/women-who-changed-science/tu-youyou/