Irmgard Gebhard-Wilde

»Wirklich wichtig war für mich, dass ich die Sprache geliebt habe und immer wusste, wovon ich spreche.«

24.01.2023

Im Dezember ist unsere langjährige Mitarbeiterin Irmgard Gebhard-Wilde in den Ruhestand gegangen. Mehr als 40 Jahre hat sie das Institut in verschiedenen Abteilungen unterstützt und die Entwicklung des Kursangebots von Anfang an aktiv mitgestaltet. Zusammen blicken wir zurück und erfahren, mit welchen Sprachen alles angefangen hat, wie das LSI zu seinem Namen kam und warum es beinahe kein LSI mehr gegeben hätte.

Irmgard, Du hast 1981 beim Vorläufer des LSI, dem »Landesinstitut für arabische, chinesische und japanische Sprache Nordrhein-Westfalen«, angefangen und bist dafür nach Bochum gezogen. Wie kam es dazu?

Der Liebe wegen! Damals habe ich beim Umweltbundesamt in Berlin gearbeitet. Nachdem ich meinen heutigen Mann kennengelernt hatte, beschloss ich, zu ihm nach Bochum zu ziehen und bin so auf die Stellenausschreibung des Instituts aufmerksam geworden. Als ich meiner Chefin davon erzählte, sagte sie: „Frau Gebhard, das ist nichts für Sie – viel zu langweilig! Dort sitzen die Professoren zwischen verstaubten Büchern. Bleiben Sie lieber hier.“ Aber ich habe mich natürlich trotzdem beworben und es nie bereut.

Das Landesinstitut gab es da noch gar nicht lange, oder?

Genau, das Institut und die einzelnen Sprachabteilungen waren noch im Aufbaustadium. Das Sinicum wurde 1980 gegründet, das Japonicum, für das meine Stelle im Sekretariat ausgeschrieben war, 1981. Russisch gab es schon seit den 1970er Jahren, Arabisch kam 1985 dazu. 

Haben die Teilinstitute am Anfang eher isoliert gearbeitet?

Ja, zumindest habe ich das immer so empfunden. Alle Sprachbereiche hatten einen Institutsleiter, der von der Universität kam. Außerdem gab es die Ausbildungsleiter, die für die Organisation des Unterrichts zuständig waren.

Du hast im Japonicum, dem Institut für japanische Sprache, angefangen. Hast du vorher gewusst, was auf Dich zukommt? Hattest Du einen Bezug zu Japan?

Nein, ganz genau wusste ich das nicht. Aus der Stellenausschreibung ging es nicht hervor und googeln konnte man ja noch nicht. Ich habe aber schnell erkannt, dass hier etwas Spannendes im Aufbau war, und dass ich dabei helfen konnte. Der erste Kurs zu Beginn meiner Tätigkeit hatte schon zehn Leute auf der Teilnehmerliste und ging auch gleich los. Wir mussten sehr schnell das Lehrmaterial erstellen, das ja noch nicht vorhanden war. Die Texte gingen quasi direkt aus der Schreibmaschine in den Unterricht. Wir haben oft bis in die Nacht gearbeitet. Für mich war diese Arbeitsweise und die Atmosphäre im Institut eine ganz neue Erfahrung. An meiner alten Arbeitsstelle hatten wir zwar auch professionell zusammengearbeitet, aber hier war es noch intensiver. Das hatte schon ein bisschen was von japanischer Arbeitskultur.

Die ersten Lehrwerke habt ihr noch gar nicht mit dem Computer erstellt.

Richtig, alles von Hand und per Schreibmaschine. Später hat mein Chef, Professor Kay Genenz, einen Commodore angeschafft und mich eingewiesen. Im Bewerbungsgespräch hat er mir gleich zwei Fragen gestellt: „Haben Sie Angst vor Technik?“ und „Rauchen Sie?“ Ich hatte absolut keine Angst vor der Technik und zum Rauchen habe ich natürlich auch Nein gesagt, obwohl das nicht ganz stimmte (lacht). Ich habe es mir dann aber schnell abgewöhnt. Dann gab es ein neues Problem: Der Commodore durfte nicht eingesetzt werden! Da hat sich der Personalrat gewehrt, es hieß, ein Computer würde Arbeitskräfte überflüssig machen. Es musste zunächst eine Genehmigung durch das Ministerium erfolgen, also bin ich höchstpersönlich nach Düsseldorf und habe den Antrag eingereicht, zum Glück mit Erfolg. Für lange Zeit war ich die einzige im Institut, die mit einem Computer gearbeitet hat. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie viel länger wir für die Erstellung der Lehrmaterialien und die Korrespondenz gebraucht hätten, wenn es bei der Schreibmaschine geblieben wäre.

Lässt sich das damalige Japanisch-Lehrwerk mit dem heutigen Grundstufen-Lehrbuch vergleichen? 

Das Beherrschen der Silbenschriften Hiragana und Katakana zum Kursbeginn ist damals noch nicht Voraussetzung gewesen. Das erste Lehrwerk ist größtenteils in Romaji verfasst gewesen. Sowohl Kana als auch Kanji wurden in Schreib- und Lesestunden während des Kurses vermittelt. Da die Kurse damals noch dreiwöchig gewesen sind, passte das Lernen der Schriftzeichen zeitlich gut in den Unterrichtsplan. Die Schriftzeichen im Lehrwerk von Beginn an wurden erst unter dem zweiten Institutsleiter, Rudolf Schulte-Pelkum,  eingeführt, der großen Wert auf diesen Aspekt gelegt hat. Im heutigen Lehrbuch steckt inhaltlich aber noch vieles aus den Anfangstagen drin.

Wie wurde aus den einzelnen Teilbereichen das Landesspracheninstitut?

Im Wesentlichen durch Dr. Jochen Pleines, der 1991 unser Direktor wurde. Er hat die einzelnen Bereiche zu einem Institut zusammengefügt, das 1992 den endgültigen Namen Landesspracheninstitut erhielt, noch ohne den Zusatz. Auch das Russicum wurde integriert.

Stichwort Russicum: Du hast die Wende nach dem Zerfall der Sowjetunion miterlebt. Hat sich damit auch für das LSI eine Welt geöffnet, die vorher verschlossen war?

Das Russicum gab es schon vor der Wende. Wir hatten Auslandskurse in der Sowjetunion, da kamen wahnsinnig viele Anmeldungen. Es gab eben kaum Möglichkeiten, auf die andere Seite des "eisernen Vorhangs" zu gelangen, die Leute waren neugierig. Organisatorisch war es aufwändig. Wir mussten Visa beantragen, Pässe einreichen und zur Botschaft schicken. Nach dem Mauerfall war das vorbei. Reisen in den "Ostblock" konnte man nun selber organisieren und diese Art von Kursen war nicht mehr so gefragt. Insgesamt hat sich für uns mit der Wende nicht wirklich viel verändert, es kamen höchstens ein paar Teilnehmer mehr aus der ehemaligen DDR. Für die 1980er-Jahre gilt aber sicher, dass die Japanischkurse unfassbar geboomt haben. Kunden aus allen Wirtschaftsbereichen strömten ins LSI. Man hat gespürt, dass Japan wirtschaftlich auf der Überholspur war. 

2007 ist das LSI an die Laerholzstraße gezogen und wurde Teil der Ruhr-Universität Bochum. Diesem Umzug ging eine Krise voraus, die gut das Ende hätte bedeuten können. Was waren die Hintergründe?

Das sind ganz klar Kostengründe bzw. Sparmaßnahmen des Landes NRW gewesen. Aber, spätestens ab 2005 wurde der ursprüngliche Auftrag des LSI politisch mehr und mehr hinterfragt. In den 80er-Jahren war unser auf Osteuropa und Asien spezialisiertes Intensivkurs-Angebot noch sehr exklusiv. Mittlerweile hatten viele private Sprachschulen, Universitäten und Volkshochschulen diese Sprachen im Programm. Wir waren immer noch sehr gut, aber die Konkurrenz nahm zu. Dass das LSI überlebt hat, ist das Verdienst seines damaligen Direktors, Dr. Jochen Pleines, der unermüdlich gemeinsam mit unseren Alumni für den Erhalt gekämpft hat. Schließlich kamen wir unter das Dach der Universität und wurden zum Landesspracheninstitut in der Ruhr-Universität Bochum mit dem neuen Standort hier an der Laerholzstraße. Damit begann ein neues Kapitel im LSI, Krise als Chance sozusagen!

Irmgard Gebhard-Wilde mit Kolleginnen und Kollegen aus der Öffentlichkeitsarbeit. Von links nach rechts: Jörg Siegeler, Tobias Kalverkamp und Pia Trojan.

 

Hast Du selbst mal einen Sprachkurs bei uns gemacht? 

Ja, einen Japanisch-Intensivkurs. Kann ich nur empfehlen! Mir hat es sehr viel Spaß gemacht, vor allem, weil ich eine tolle Gruppe hatte. In den Pausen haben wir Tee gekocht und uns im Foyer getroffen. Wir sind nach Düsseldorf gefahren und waren gemeinsam japanisch Essen. Auch die Dozenten und Hilfskräfte sind mitgekommen. Das vermisse ich heute. Früher war es enger, persönlicher. Ich hatte nach meinem Kurs noch lange Kontakt zu den anderen Teilnehmern.

Wie blickst Du insgesamt auf Deine Zeit im LSI zurück?

Es war nie langweilig, ganz im Gegenteil! Zu dem, was mir meine damalige Chefin geraten hat: Frau Müller, es tut mir leid, aber es war die spannendste Zeit! Es gab immer wieder neue Vorgesetzte und durch die Gastdozenten oder Honorardozenten immer Bewegung in den Instituten und im Lehrbereich. Wirklich wichtig war für mich, dass ich die Sprache geliebt habe und immer wusste, wovon ich spreche, auch nach außen in der Öffentlichkeitsarbeit.

Da stellt sich natürlich die Frage: Wirst Du jetzt, wo du mehr Zeit hast, weiter Japanisch lernen oder nach Japan reisen? 

Heute kann man den Kurs ja nicht mehr ohne die Schriftzeichen besuchen und das würde mir persönlich den Wiedereinstieg doch erschweren (lacht). Ich müsste noch mal ganz von vorne anfangen. Aber nach Japan reisen? Jederzeit! 

Das gesamte Team des LSI bedankt sich herzlich für das Interview und natürlich für 42 Jahre Dienst im LSI! Wir wünschen Dir Irmgard, von Herzen alles Gute für die Zukunft!

 

Interview: Tobias Kalverkamp, Jörg Siegeler, Pia Trojan