Arvid Kempf

Chinakompetenz entsteht durch Sprachkenntnisse

Arvid Kempf hat Sinologie und Archäologie in Freiburg, Nanjing, Singapur und Chengdu studiert. Seit April 2020 betreut er bei der Hans-Böckler-Stiftung und in Zusammenarbeit mit der Stiftung der Deutschen Wirtschaft das BMBF-Projekt CHIN-KoBe: Chinakompetenz für die Stipendiat*innen der Begabtenförderungswerke.

Herr Kempf, Sie haben in China gelebt und kennen das Land sehr gut. Man könnte sagen, Sie verfügen über Chinakompetenz. Wie verlief Ihr Weg dorthin?

Das begann schon in der Grundschule. In meinem Freundeskreis war jemand dabei, dessen Eltern aus China kamen. Meine ersten Wörter auf Chinesisch möchte ich hier nicht wiedergeben (lacht). Wir haben uns immer gewundert, in was für eine chinesische Schule er eigentlich am Wochenende ging. Mein Vater ist schon früh nach China gereist, ich habe viele Fotos gesehen und ihn irgendwann gebeten mich mitzunehmen in das Land, aus dem die Eltern meines Freundes stammen. Meine spätere Studienwahl hat das sicher beeinflusst. Nachdem ich mehrere Jahre in China gelebt und studiert habe, habe ich in Berlin für ein Start-Up gearbeitet, das Bildungsreisen für Chinesen nach Europa organisiert. Seit letztem Jahr bin ich bei der Hans-Böckler-Stiftung, wo ich das Projekt CHIN-KoBe betreue, bei dem es um Chinakompetenz für die Stipendiat*innen der 13 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Begabtenförderungswerke geht. Das Projekt wird zusammen mit der Stiftung der Deutschen Wirtschaft organisiert und ist Teil einer gemeinsamen Initiative von BMBF, Auswärtigem Amt und der Kultusministerkonferenz der Länder, welches das Ziel verfolgt, die China-Kompetenz entlang der gesamten Bildungskette in der Bundesrepublik zu erhöhen.

Das Bewusstsein für die wachsende Bedeutung Chinas ist noch nicht überall vorhanden. Mussten Sie in irgendeine Richtung Überzeugungsarbeit leisten?

Nein, überhaupt nicht. Vielmehr wurde von Seiten der Stiftungen gezielt danach gesucht. Es ist ja generell so, dass die Begabtenförderungswerke Auslandssemester anbieten. Für den Bereich China hat man einfach eine Lücke festgestellt, gerade bei unseren Zielgruppen, etwa bei den MINT-Leuten oder bei Lehramtsstudierenden. Die gehen zwar ins Ausland, aber eben kaum nach China. Wenn man die Zahlen ins Verhältnis zur Größe und Bedeutung Chinas setzt, ist dieser Bereich absolut unterrepräsentiert. Daraus entstand die Idee, durch eine gezielte Vorbereitung der Studierenden das Bewusstsein zu etablieren, dass ein Auslandsaufenthalt in China eine sinnvolle Möglichkeit ist.

Welche konkrete Zielsetzung ist mit dem Projekt verbunden?

 Ziel der Förderung und der vorbereitenden Maßnahmen ist die Befähigung der Studierenden nach China zu gehen. Das Programm steht allen Stipendiat*innen der dreizehn Begabtenförderungswerke ohne zusätzliche Kosten offen. In der ersten Runde haben sich ca. 300 Studierende beworben, wovon wir etwas mehr als 200 in das Programm aufgenommen haben. Über die Hochschullandschaft Chinas ist hierzulande noch zu wenig bekannt. Nehmen Sie als Beispiel eine Studentin oder einen Studenten der Ingenieurwissenschaften. Die/Der wird sicher wissen wollen, an welcher Universität in China sie/er mit ihren/seinen Themenschwerpunkten gut aufgehoben wäre. Da wollen wir hin, dass unsere Studierenden in Bezug auf China solche qualifizierten Entscheidungen treffen können. 

Wie ist das Förderungsprogramm konkret aufgebaut?

Ziel des Projekts ist ein längerer Studien- oder Praktikumsaufenthalt in der Volksrepublik China. Wir starten mit der sogenannten „Akademie“. Dort werden grundlegende Kenntnisse der Politik, Wirtschaft, Geschichte und Gesellschaft Chinas vermittelt. Für diejenigen, bei denen sich ein ernsthaftes Interesse abzeichnet, sind interkulturelles Training und die Intensivsprachkurse am LSI der nächste Schritt. Das Ganze hat durchaus den Charakter eines Auswahlverfahrens. Wir schauen genau hin, wer motiviert ist und am Ball bleibt, und würden niemanden mit nach China nehmen, der keine Sprachkenntnisse hat. Gegen Ende des Programms wird dafür die Betreuung der Studierenden intensiver und wir können speziell auf die einzelnen Bedürfnisse eingehen. Eine wirkliche Chinakompetenz entsteht, wenn man zum einen die Sprache beherrscht, und zum anderen für eine längere Zeit in China gelebt hat.

China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner. Wie groß ist Ihrer Meinung nach das Interesse der deutschen Wirtschaft und des Arbeitsmarktes an Chinakompetenz? Suchen deutsche Firmen Mitarbeiter*innen, die solche Kompetenzen mitbringen?

Ja, aber ich glaube, das wäre zu klein gefragt für unsere Zielgruppe. Es geht nicht nur darum. Nehmen Sie als Beispiel den Klimawandel. Wir kriegen dieses Problem nicht in den Griff, wenn wir nicht international und insbesondere mit China zusammenarbeiten. Das geht nur, wenn wir Forschende haben, die mit chinesischen Partnern kooperieren können. Ein Teilbereich des Projekts wäre es also, Studierende der Naturwissenschaften, z.B. im Bereich Klimaforschung, in die Lage zu versetzen genau zu verstehen, was in China gemacht wird. Für Arbeitgeber kann das sicher auch interessant sein, zum Beispiel in Branchen wie Chemie oder Solarenergie. Ein anderer Schwerpunkt bei uns liegt bei den Lehramtsstudierenden. Ich finde es wichtig, dass unsere Schüler*innen nicht nur irgendwann mal von Mao Tse-tung und der Kulturrevolution gehört haben, sondern dass sie ein breiteres und tieferes Bild von China vermittelt bekommen. Unsere zukünftigen Lehrer*innen sollten dazu mit einer gewissen Chinakompetenz ausgestattet sein.

Sie haben selbst in China studiert und kennen den chinesischen Wissenschaftsbetrieb aus eigener Erfahrung. Wird dort eher auf Chinesisch oder auf Englisch publiziert? 

Beides. In international vernetzten Forschungsbereichen wird natürlich auf Englisch publiziert. Daneben gibt es aber einen riesigen Publikationsmarkt mit eigenen Journalen auf Chinesisch. Wenn man es schafft, dort sprachlich hinein zu kommen, ist es sehr spannend das zu beobachten. Für mein Fachgebiet Archäologie kann ich sagen, dass die chinesische Forschungs-Community relativ abgeschottet ist. Es wird viel und auf hohem Niveau publiziert, aber das meiste davon auf Chinesisch. Wenn das international stärker rezipiert würde, wäre das ein großer Gewinn für die Wissenschaft.

Wenn man sich das globale Internet anschaut, sind wir Europäer stark eingebunden in das amerikanische Ökosystem aus Google, Facebook usw. China hat davon unabhängig eigene Strukturen entwickelt, mit Namen wie Baidu, WeChat und Alibaba. Was dort an Informationen zirkuliert nehmen wir kaum wahr. 

Das ist ein schönes Beispiel, bei dem Chinakompetenz eine Rolle spielt. Viele Leute verstehen WeChat immer noch als eine Art Klon von WhatsApp, was es anfangs auch war, nur ist die Funktionalität mittlerweile stark gewachsen. Es lohnt sich, gerade im Technologiebereich, genau hinzusehen, wie rasant sich China entwickelt. Videotelefonie funktioniert vielerorts auch unter schwierigen Bedingungen, die Kompressions-Algorithmen sind einfach wahnsinnig gut. Das funktioniert nur, wenn sich viele Leute auf hohem mathematischen und technischen Niveau damit auseinandersetzen und das wiederum ist ein Indikator für die hohe Qualität von Wissenschaft und Forschung in China.

Wenn man da nochmal einen Schritt zurückgeht und sich anschaut, wie die gesellschaftliche Wahrnehmung Chinas in Deutschland ist - es ist es durchaus so, dass die Bedeutung Chinas anerkannt wird, aber oft auf einer sehr rationalen Ebene z.B. über wirtschaftliche Argumente, die Außenhandelsbilanz etc. Zugleich scheint es emotional eine große Fremdheit und Distanz zu geben.

Das stimmt und hat sicher damit zu tun, dass es dort aus unserer Sicht extreme Widersprüche gibt, angefangen bei der Tatsache, dass die Volksrepublik einen  Staatskapitalismus mit marktwirtschaftlichen Elementen unter dem Schirm eines kommunistischen Ein-Parteien-Staates etabliert hat. Von außen betrachtet ergibt sich da ein sehr diffuses Bild. Die Widersprüche sind krass, aber die Beschäftigung mit China aus diesem Grund umso wichtiger! Es gilt ja auch zu verstehen, mit welchen Widersprüchen die Chinesen selbst leben. Natürlich können wir im Rahmen eines Projekts wie CHIN-KoBe diese Widersprüche nicht auflösen - aber bei unseren Studierenden und Promovierenden ein Verständnis dafür zu entwickeln, das ist unser Anspruch. Dann kommen sie von der rationalen, abstrakten Ebene in den Bereich persönlicher Erfahrungen und können ihre Beobachtungen besser einordnen.

Die letzten dreißig Jahre könnte man in diesem Zusammenhang als eine Phase der schrittweisen Öffnung und Annäherung zwischen China und dem Westen beschreiben. Mit Corona haben wir jetzt die Situation, dass kaum noch gereist wird, es gibt politische Konflikte, die sich zuspitzen – haben Sie die Sorge, dass die Durchlässigkeit in Zukunft wieder verloren gehen könnten?

Vielleicht muss man von Zukunft hier sogar im Plural sprechen und nach unseren „Zukünften mit China“ fragen. Ich beobachte zwei entgegengesetzte Bewegungen. Zum einen hat sich die Beschäftigung mit China auf unserer Seite intensiviert. An der Bedeutung Chinas zweifelt niemand mehr und auch die chinesische Seite ist international stark eingebunden. Andererseits stehen die Zeichen unter Xi Jinping nicht mehr so stark auf Öffnung. In diesem Spannungsfeld befinden wir uns, und unseren Stipendiat*innen sollte das  klar sein. Studierende beider Seiten möchten aber den Austausch, diese Durchlässigkeit zwischen China und Deutschland sehe ich nicht in Gefahr. Es gibt nur Zukünfte mit China, und auf diese möchten wir vorbereiten.

 

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